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"Er ist der Mozart des 19. Jahrhunderts, der hellste Musiker, der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut und als erster versöhnt."

Robert Schumann, 1840

 

 


 

 

Felix Mendelssohn

Hin und wieder betreten Individualitäten die Erde, deren Leben und Wirken in aussergewöhnlichem Masse durch besondere Aufgaben gekennzeichnet ist, die sie in der Folge mit ganzer Kraft und ungeachtet persönlicher Belange zu erfüllen trachten, um dann – oft lautlos – wieder von uns zu gehen. Durch derart in den Verlauf der Geschichte einstrahlende Impulse wird das Leben der Menschheit stets neu und notwendig befruchtet.

In Felix Mendelssohns Sein, Werden und Schaffen klingt solcherlei deutlich an.

Begabter noch als der kleine Mozart soll Felix als Kind gewesen sein. Seine kindliche Umgebung scheint wie darauf ausgerichtet zu sein, mit aller Sorgfalt einen Menschen heranzuerziehen, der Bedeutendes zu vollbringen hat. Liebe und Heiterkeit strahlt ihm aus dem elterlich-familiären Umfeld entgegen. Sein Lehrer, der Goethe-Freund Zelter, führt ihn seriös ins Gesangliche, ins Künstlerisch-Handwerkliche ein und achtet mit Geschick und weisheitsvoller Einsicht darauf, dass nicht Hochmut das heranwachsende, zart und gross sich Offenbarende gefährde. Der bejahrte Goethe begleitet den Knaben mit seinem anregenden, stets wachen, teilnehmenden Interesse. Die Werke Händels und Bachs, von welchen Mendelssohn manche selber nach und nach zur Aufführung bringt - so als 18-jähriger die damals als unaufführbar geltende Matthäus-Passion – bilden den heranwachsenden Komponisten und schaffen jene Grundlagen, auf welchen seine eigenen Kantaten und Oratorien wachsen können. Mendelssohn ehrt und achtet die grossen Meister, knüpft an ihr Schaffen an, entwickelt aber zugleich seinen eigenen, unverkennbaren Stil.

So setzt Mendelssohn mit Paulus und Elias die Reihe der Oratorien in grossartiger Weise fort und bewahrt dadurch die Gattung – in jener vom Geistigen sich abschliessenden, vom Einbruch des Materialismus und der Technik geprägten Zeit – vor dem Abgleiten ins Mittelmässige, Substanzlose.

Paulus

„Ich meine, dass alle Schwierigkeiten und Leiden des gegenwärtigen Zeitalters belanglos sind gegenüber der Lichtgewalt der Geisteswelt, die sich uns offenbaren will.“

Paulus, Römer 8,18

Mit dem Oratorium „Paulus“ wendet Felix Mendelssohn sich in vielerlei Hinsicht einer der wegweisendsten, modernsten Gestalten zu, einem Repräsentanten unserer und der nachfolgenden Zeit schlechthin.

Paulus-Saulus ist der mit ganzer Hingabe strebende Mensch, der durch das Erleben des Irrens, der Blindheit, der Ohnmacht, der Todesmächte zur Geburt höherer Kräfte in sich findet, zu jener grossen, umfassenden Ich-Kraft, jener objektiv gestaltenden Ge-Wissens-Kraft, jener wärmeströmenden, urchristlichen Licht- und Liebemacht, die ihn fortan führt auf all seinen Wegen und zu welcher er sich so verhält, dass er sagt: „Nicht ich, sondern der Christus in mir“. Er lebt demnach im Bewusstsein, dass der Mensch selbst ein „Tempel Gottes“ ist. So wie für Stephanus, dessen Steinigung er erlebt und mit dessen Schicksal das seine geheimnisvoll verbunden ist, ist auch für Paulus das Christentum nicht mehr bloss eine Lehre, eine Religion unter anderen, denn er erfährt Christus wesenhaft.

Das Oratorium „Paulus“ ist erstaunlicherweise ein Jugendwerk, mit 26 Jahren aus jugendlichem Idealismus, aus jugendlicher Verehrungskraft geschaffen. Dennoch wirkt in den Schaffensprozess eine frĂĽhe Reife herein, entsteht das Werk doch nur 12 Jahre vor seinem Tod.  Kraftvolle Lebensbejahung spricht sich in dieser Musik aus, allem Leid und Schmerz, allen Widerständen, ja selbst den Manifestationen des Bösen gegenĂĽber, das gleichsam als notwendige Gestaltungskraft innerhalb der allumfassenden, alldurchdringenden Gotteswelt erscheint. Im Angesicht des Schönen, Lichten, Wahren, erkennt und richtet das Böse sich selbst.

Dementsprechend lässt sich Mendelssohn nicht auf effekthascherische Auseinandersetzungen ein. Er zielt auf Wesentliches. Eine gewisse Schlichtheit und zugleich Würde, Anmut und Grösse sind seinem Werk eigen. Dabei fehlen Kontraste, fehlt wahre Dramatik keineswegs.

Ein ungemein reinigender und dabei tieftröstender Atem durchweht dieses Werk. Selten wurde christliche Trostes- und Liebekraft so unmittelbar Musik.

Zugleich ist „Paulus“ aber ein Aufwach-, ein Aufweck-, ein Verwandlungsdrama. Die Motivik des Weckrufes einer neuen Zeit durchzieht - ausgehend von der kühn angelegten Ouvertüre - die gesamte Handlung und klingt so der gegenwärtigen und künftigen Menschheit entgegen.

Mendelssohn erweckt in seinem „Paulus“ den unermĂĽdlich Schreitenden, Wandelnden - nach aussen und innen - den Weltenwanderer aus Christi Trost und Kraft.