DAS NEUE WERK

«Mir kommt’s manchmal vor, als gehöre ich gar nicht in diese Welt.»

Franz Schubert

Franz Schubert

Wenden wir uns Franz Schubert zu, treffen wir auf das Gegenbild eines Stars – einen Anti-Star. Armut, Hunger, Erfolglosigkeit prägen sein Leben. Eine Anstellung als Musiker bleibt ihm lebenslang versagt. Ebenso die Heirat mit der Geliebten seines Herzens. Sein Erscheinungsbild: Unscheinbar, von kleiner Statur, unbeholfen. Sein Dasein: Von Schmerz durchzogen – aber zum Glück nicht nur:

«Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe. So zerteilte mich die Liebe und der Schmerz.»

Franz Schubert wird am 31. Januar 1797 auf dem Himmelpfortgrund in Lichtenthal geboren. Er ist überaus begabt. Er wird Wiener Sängerknabe und Konzertmeister im Schulorchester. Hoforganist Wenzel Ruczicka gesteht:«Den kann ich nichts lehren, der hat›s vom lieben Gott gelernt.»

Aufnahme findet er in einem Freundeskreis, wo Fragen der Kunst und des Menschseins bewegt werden und dessen Zentrum er in seiner selbstlosen, hilfsbereiten, neidlosen und bescheidenen Art gleichsam bildet. «Durch Schubert wurden wir alle Brüder und Freunde»,schreibt Joseph von Spaun.

In diesem geschützten Rahmen, abseits von Glanz und Glimmer, trägt er seine Kompositionen vor, die er in stundenlanger Einsamkeit erschaffen hat. Unsägliche Geduld, Schicksalsergebenheit, ein unendlicher Schaffenswille, die wundersame Kraft der Phantasie treiben ihn an, «von ewig unbegreiflicher Sehnsucht gedrückt».

Seine Zeit erkannte ihn nicht. Seine Musik ist nicht von dieser Welt.

Die Unvollendete

«Ein empfindsameres Gemüt, einen grösseren, tief im Inneren verwurzelten Idealismus kann man sich kaum vorstellen.»
Bernhard Bingkowski

Kaum ist die grosse Messe in As-Dur entworfen, beginnt Schubert mit der Komposition seiner 7. Sinfonie. Seit 6 Jahren hatte er keine Sinfonie mehr geschrieben. Es kann davon ausgegangen werden, dass er vor hatte, die üblichen 4 Sätze auszuführen. Skizzen zu den ersten Takten des 3. Satzes liegen bekanntlich vor. Ungewiss ist nach wie vor, warum er die Arbeit daran in den ihm verbleibenden 6 Jahren nicht fort setzte, während er weitere Werke mit dem ihm innewohnenden, immensen Schaffensdrang verwirklichte.

Gewiss ist aber, dass uns in diesen beiden komponierten Sätzen ein unermessliches Geschenk überliefert ist und diese, sogenannt unvollendete Sinfonie durch ihr Geheimnis, durch ihren besonderen Zauber alle anderen überragt. Kaum ist vorstellbar, dass das, was wir da vor uns haben noch zu steigern, zu vervollkommnen wäre. Wenn aus dem Dunkel in h-Moll unheimliche Klage tönt, ist es, als klagte das Wesen der Welt als solches, in schmerzlicher Sehnsucht nach Licht und Liebe. Erklingen dagegen die Melodien des 2. Satzes in hellem E-Dur, spricht in ihnen im Glanz überirdischer Schönheit gleichsam der Trost des Welten-Schöpfer-Wesens, Versöhnung spendend zwischen Mensch und Gott und Welt.

Die Missa solemnis in As-Dur

«Wer die As-Dur Messe nicht kennt, kennt die volle Bedeutung Schuberts überhaupt nicht.»
Hermann Kretschmar

7 Jahre hatte Schubert an dieser Messe gearbeitet, länger als an jeder anderen Komposition. Eigentlich hatte er die Idee, sie dem Kaiser zu widmen. Er sandte sie an Salieris Nachfolger, Joseph Eybler, zur Aufführung in der Wiener Hofburgkapelle. Dieser retournierte das Werk mit der Bemerkung, es sei «nicht im Styl componiert, den der Kaiser liebt».

Schubert liess sich nicht beirren. Noch 1828, im Todesjahr, sendet er die Messe zusammen mit anderen Kompositionen an den Verleger Schott mit der Bemerkung: «…damit Sie mit meinem Streben nach dem Höchsten in der Kunst bekannt sind.»Auch da wurde die Bedeutung des Werkes allerdings nicht erkannt. Erst 1875 erschien die erste gedruckte Version, nachdem Johannes Brahms sich dafür eingesetzt hatte.

In Hunderten von Liedern hatte Franz Schubert die Schöpfung gepriesen. Mit der Messe in As-Dur begibt er sich auf die Suche nach dem Christus. Die Tradition trägt ihn dabei kaum, vielmehr wird ihm bewusst, wie oft der Name des Christus für menschliche Machenschaften missbraucht wird. Unter dem Eindruck einer Reise an die Grenze Bayerns schreibt er: «Du herrlicher Christus, zu wie vielen Schandtaten musst du dein Bild herleihen! Du selbst das grässlichste Denkmal der menschlichen Verworfenheit! Da stellen sie dein Bild auf als wollten sie sagen: Seht! Die vollendete Schöpfung des grossen Gottes haben wir mit Füssen getreten; sollte es uns etwa Mühe kosten, das übrige Ungeziefer, genannt Menschen, mit leichtem Herzen zu vernichten?»

Schuberts musikalisch-menschliches Ringen um die Christus-Nähe in dieser Messe übersteigt die üblichen bürgerlich-staatlichen und kirchlichen Vorstellungen. Schubert errichtet mit dieser überdimensionalen, schmerzgeborenen und zugleich liebedurchdrungenen Musik dem Göttlichen, gleich wie dem Menschen ein einzigartiges, lebendiges Monument.

Wir tauchen ein in Klänge von entrücktester Sanftheit, in das allzu nahe Tosen wilder Schicksalsstürme, in das Wechselspiel von Trauer und Freude – im Übermass. Und alles erscheint durchtränkt von göttlicher Gnade und Liebekraft.

Eindrücklich der fortwährende Dialog zwischen Solistenquartett und Chor, während die Farben des Orchesters, das sich mitunter zu sinfonischer Dimension entfaltet, aufstrahlen in herrlicher Pracht, so dass man mit Schubert sagen möchte: «Ich fühlte die ewige Seligkeit wie in einen Augenblick zusammengedrängt.»

Brunetto d›Arco, im August 2019